Wieviel Stickoxid ist zumutbar?

Stickoxide - vor allem Stickstoffdioxide - sind in den letzten Jahren quasi zum Inbegriff schlechter Luft geworden. Städte wie München oder Stuttgart überschreiten immer wieder die Grenzwerte. Manch einer sorgt sich deshalb schon beim Radfahren um seine Gesundheit. Zu Recht? Andere atmen in der Arbeit große Mengen der Reizgase ein und merken nichts. Für wen sind Stickoxide eine Gefahr?

Stickstoffdioxid entsteht immer dann, wenn etwas bei hohen Temperaturen verbrennt:

Wenn ein Metallbauer Stahl-Teile verschweißt, wenn in einer Glasfabrik Ampullen per Gasflamme in die richtige Form gebracht werden oder – das ist hinlänglich bekannt – in Automotoren. Wenn die Konzentration in der Luft zu hoch wird, muss man Menschen davor schützen. Warum, beschreibt Annette Peters vom Helmholtz-Zentrum in München.

"Stickstoffdioxid ist ein Reizgas, das tief in die Lunge eindringt. Es löst Entzündungsreaktionen aus und schädigt die Lunge."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Wieviel ist zuviel?

Erste Symptome sind z.B. Husten, Atemnot oder tränende Augen. Auf Dauer kann es sogar sein, dass die Lunge sich nicht mehr erholt, dass das Gewebe vernarbt und nur noch schlecht arbeiten kann. Doch was ist zuviel? Das hängt von ganz unterschiedlichen Dingen ab. Für die Arbeiter in einer Metall- oder Glasfabrik liegen die Grenzwerte deutlich höher als bei der normalen Umweltbelastung, sagt Simone Peters vom Institut für Arbeitsmedizin IFA.

"Für Stickstoffdioxid liegt er bei 950 Mikrogramm pro Kubikmeter. Und der darf am Arbeitsplatz bei einer 8-Stunden-Schicht im Mittel nicht überschritten werden."

Dr. Simone Peters, Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

950 Mikrogramm - das ist ein Vielfaches von dem, was die EU für die allgemeine Umweltbelastung akzeptiert: Hier dürfen es im jährlichen Mittel nur 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sein, kurzzeitig auch mal 200, aber nur an wenigen Tagen im Jahr.

Höhere Belastung am Arbeitsplatz erlaubt

Warum ist der Unterschied so groß? Sind Arbeitsmediziner gelassener als Umweltmediziner? Wiegeln die einen ab, während die anderen Panik verbreiten? Die Erklärung ist einfach: Am Arbeitsplatz geht man davon aus, dass man es mit durchschnittlich gesunden Erwachsenen zu tun hat, die sich nach der Arbeit von den belastenden Gasen wieder erholen können.

"Grenzwerte für allgemeine Umweltbelastungen gelten für die gesamte Bevölkerung, vom Kind bis zur älteren Person und bei einer 24-Stündigen Belastung."

Dr. Simone Peters, Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA)

Denn für Babys oder Kleinkinder können schon geringe Mengen Stickstoffdioxid ein Problem sein, sie behindern das Lungenwachstum. Auch für Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung zählt jedes Mikrogramm, erklärt Epidemiologin Annette Peters.

"Die Auswirkungen der Luftschadstoffe sind gerade bei Asthmatikern zu spüren. Wenn ich Asthmatiker bin, kann es sein, dass ich Atemnot spüre – wenn ich gesund bin, dann merke ich nichts."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Und das heißt auch: Ein normal gesunder Mensch, der jeden Tag während seines Arbeitsweges 2 Stunden ins Stickoxid-Bad der Durchgangsstraßen taucht, wird davon nicht stark beeinträchtigt. Doch für gesundheitlich Angeschlagene ist jede Grenzwertüberschreitung eine zu viel. Aus Langzeitstudien weiß man:  Wenn die Belastung hoch ist, sterben mehr Menschen an Atemwegs-Erkrankungen, oder, als weitere Folge, auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Grenzwerte möglicherweise zu hoch

Und nicht nur das: Sogar wenn Städte wie München, Stuttgart oder Düsseldorf es in Zukunft schaffen werden, ihre Grenzwerte einzuhalten, könnte das nicht reichen. Denn die aktuellen EU-Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter stehen in der Kritik. Noch entsprechen sie der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO – doch die überarbeitet gerade ihre Empfehlung, erklärt Annette Peters:

"Unsere Studien zeigen Auswirkungen auch unterhalb des gegenwärtigen Grenzwerts. Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Grenzwert sich ändern wird, dass die überarbeiteten Grenzwerte der WHO niedriger sind als der Gegenwärtige Grenzwert von 40 Mikrogramm."

Prof. Annette Peters, Helmholtz-Zentrum München

Dringender Handlungsbedarf

Erst wenn die Belastung um die Hälfte sinkt, unter 20 Mikrogramm, sind auch bei empfindlichen Personen keine Gesundheitsschäden mehr zu beobachten, sagt Peters.

Fazit: Normal gesunde Menschen müssen wegen hoher Stickoxid-Werte in ihrer Stadt nicht in Panik verfallen. Für Babies, Kinder oder Kranke aber sind sie eine ernsthafte Gefahr. Deswegen ist für Umweltmediziner klar: die Luft in den Städten muss sauberer werden.

Quelle: www.br.de

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